Orgelbau Hradetzky

Die Nachkriegsjahre 1945-1959

1. Orgel von Gregor Hradetzky II.: Orgel Kirnberg/Mank 1949 Nach der Entlassung aus der amerikanischen Gefangenschaft kehrte Sohn Gregor nach Krems zurück, wo zu seiner Überraschung Schwester Maria, die zusammen mit der Mutter den Betrieb des Vaters als Witwenbetrieb weitergeführt hatte, diesen nicht an ihren Bruder zurückgeben wollte. Ein legendäres Schreiduell auf der Orgelempore der Kremser Stadtpfarrkirche ist heute noch manchen in guter Erinnerung. In weiterer Folge kam es zu Rechtsstreitigkeiten, die Gregor letztlich für sich entscheiden konnte.

Vorerst war an neue Orgeln nicht zu denken. Die politische Situation im Osten Österreichs (russische Besatzungszone von 1945-1955) und die Verarmung der Kirchen trugen ein Übriges dazu bei, dass Hradetzky II. außer einer Orgelerneuerung in Kirnberg an der Mank (1949), diese schwierige Zeit mit Kleinreparaturen oder Orgelumbauten, zu denen er mit Fahrrad oder Traktor fuhr, überstehen musste. 1956 folgten dann endlich der erste Neubau in Absdorf und 1957 zwei weitere pneumatische Werke in Groß Gerungs und Hofstetten-Grünau. (Siehe auch Orgeldiarium Hradetzky II.).

Gregor Hradetzky II. und Lehrling beim Gieszlig;en von ZinnplattenIn dieser ersten Phase des Neubeginns bestand die Belegschaft des „neuen Betriebes“ gerade mal aus dem Firmenchef persönlich und einem Lehrling. Von 1948 bis 1960 übernahm Hradetzky II. natürlich auch die Intonation (eine entscheidende Arbeit der Klanggestaltung einer Orgel). Hierzu muss gesagt werden, dass im Besonderen bei elektropneumatischen Orgeln der damaligen Zeit absolut keine hohen musikalischen oder gar künstlerischen Anforderungen an Kirchenorgeln gestellt wurden. So lief die Tongebung im damaligen Betrieb dergestalt ab, dass bei einer deutschen Pfeifenfabrik lediglich Mensuren wie „weit, mittel oder eng“ bestellt wurden, wobei der Hersteller Labienbreiten oder Aufschnitte nach eigenem Ermessen festlegte. Die so gefertigten Pfeifen wurden vorintoniert geliefert, meist ohne weitere Bearbeitung in die Orgel hineingestellt und „herangestimmt“.

Aufbruch zur mechanischen Orgel

Erst um 1960 gab es mit der neobarocken Modeströmung und deren herausragendem Protagonisten Sybrand Zacheriassen (Firma Marcussen, Aabenraa, DK) die entscheidende Zäsur in der Firma Hradetzky. Von Bedeutung dafür war einerseits die Freundschaft Gregor Hradetzkys II. mit Hans Haselböck, Wien, einem Verfechter der Orgelbewegung und der klassisch-mechanischen Pfeifenorgel. Dem jungen Dr.phil. und versierten Organisten Haselböck aus Maria Langegg bei Krems gelang es letztlich, den Kremser Betrieb zum Umstieg auf die mechanische Orgel zu bewegen.

Andererseits besuchte Hradetzky II. im Sommer 1960 die G.D.O. –Tagung in Kopenhagen, lernte S. Zacheriassen persönlich kennen und erhielt erstaunlicherweise das „Privileg“ das firmeneigene Windladensystem (mit sog. "stehenden Schleifen") zu kopieren. Zum selben Zeitpunkt wechselte Intonateur Herbert Gollini von Orgelbau St. Florian in die Hradetzky-Firma (ebenfalls auf Anraten von Anton Heiller und Hans Haselböck), wo er sich völlig dem neobarocken Klang der Marcussen-Orgeln verschreiben konnte. In dieser Zeit wurde auf klangliche Anregungen und Wünsche aus Wien bereitwilligst eingegangen, da Gollini mit Haselböck und Anton Heiller gut befreundet war.

Gregor Hradetzky II Belegschaft 1962In der nun rein mechanischen Ära entwickelte sich die Betriebsleistung sprunghaft aufwärts. Aus eben noch zwei bis drei Mitarbeitern wurden 6 bis 10, und etwa 1964 zählte die Belegschaft rund 17 Mitarbeiter. In der Tat war die Auftragslage beeindruckend, erste zwei-, drei-, ja sogar viermanualige Instrumente entstanden (s. Orgeldiarium) oft auf Basis „learning by doing“ und empirischer Entwicklungsarbeit. Das kostete dem Betrieb viel Zeit und Kraft, besonders da Gollini gleichzeitig als Orgelkonstrukteur fungierte und unmöglich in der Lage war, Orgelplanung und Intonation parallel zu bewältigen.

1965 Gregor Hradetzky II Anton Heiller Orgelweihe Mozartsaal Konzerthaus WienMit dem extrem kurzfristig durchzuführenden Auftrag der Anton-Heiller-Orgel für den Mozartsaal im Wiener Konzerthaus war das viel zu wenig eingespielte Firmenteam heillos überfordert. Verstärkung aus dem Ausland (Fa. Rudolf von Beckerath und Sohn Gerhard) wurde angefordert, um die Orgel im Mozartsaal termingerecht fertigzustellen und so, wie es Anton Heiller einmal vor mir formulierte, „ging rechtzeitig am 10. Jänner 1965 in Wien die Sonne auf!“ (siehe auch: „Anton Heiller. Alle Register eines Lebens.“ Peter Planyavsky 2009, S.142. Siehe auch Interview Gerhard Hradetzky zur Orgelweihe der ehemaligen Mozartsaalorgel, die über die Stadtpfarrkirche Korneuburg ihre endgültige Heimat nahe dem Geburts- und Sterbehaus Anton Heillers als "Heiller-Orgel Dornbach" fand.)

Dieser Aufstieg war vor allem dem Übergang von der pneumatischen zur mechanischen Schleifladenorgel zu verdanken. Aber auch der Übernahme aktueller Parameter des damaligen dänischen Orgelbaues, wie dem Bekenntnis zu geschlossenen Orgelgehäusen, Werkaufbau, minimalen Gehäusetiefen sowie der kernstichlosen Intonation auf vollem Wind (resp. offenem Pfeifenfuß).

Mit der Fertigstellung der Orgel im Mozartsaal des wiener Konzerthauses zeichnete sich eine Wende in der Entwicklung von Orgelbau Hradetzky ab. Die wirtschaftliche Situation geriet in eine kritische Lage. Der mit Vehemenz vorgezogene Auftrag für den Mozartsaal war zwar außergewöhnlich prestigeträchtig, handelte es sich tatsächlich um die „Erste mechanische Konzertsaal-Orgel Europas“. Der Preis dafür waren mehrere unfertige Instrumente, welche unübersehbare Lieferprobleme und hohe finanzielle Ausfälle brachten.

1964 Werkstatt Montage OlympiaorgelDass es so weit kommen musste, hatte neben der Flut an Aufträgen (jede Arbeit wurde angenommen!) vor allem mit dem Vorläuferauftrag zu tun, der sog. Olympia-Orgel im Stift Wilten, Innsbruck. Die anlässlich der olympischen Winterspiele 1964 (Innsbruck) in Auftrag gegebene 40-Register-Orgel, sollte von keinem Geringeren als dem Doppelolympiasieger von 1936 (Berlin), Gregor Hradetzky erbaut werden.

1964 Gregor Hradtzky II Olympiaorgel WiltenNeben der Tatsache, dass bei einem Orgelprojekt im Mittelpunkt  öffentlicher Diskussion  (immerhin sollte der Eröffnungsgottesdienst für die Winterspiele mit weltweitem Interesse,  in der Stiftskirche stattfinden) eine Unmenge von Personen und Meinungen den schon schwierigen Arbeitsablauf beeinflussten, war das  komplizierte Orgelkonzept  mit 40 Registern auf 4 Manualen und fünfteiliger Orgelfassade eine äußerst anspruchsvolle Konstruktion. Technisch wie klanglich sah sich Gregor Hradetzky vor die Herausforderung gestellt, ohne einen ausgebildeten Konstrukteur aller technischer Schwierigkeiten wie Gehäusegestaltung, komplexer Mechanik sowie gediegener Pfeifenaufstellung Herr zu werden. Nur durch unglaublichen Kraft- und Zeitaufwand konnte das Projekt termingerecht abgeschlossen werden, jedoch unter großen finanziellen Verlusten.

Trotz allem sollte es Gregor Hradetzkys persönlich größter, weil international beachteter Erfolg werden, denn wann hatte je ein Olympiasieger eine Orgel für olympische Spiele gebaut.


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